Sprachregelung
als ungewollte Neueinsteiger in die Behindertenszene ging es schon ziemlich bald um die Sprachregelung.
Wie heißen eigentlich Kinder, die nicht das Down-Syndrom haben? Ich habe das vorher nicht gewusst. Es gab keine Notwendigkeit, Begriffe hierfür zu finden, denn meine Welt war nicht so groß, dass ich über den Rand hinausschauen musste.
Heute weiß ich, dass sind „Regelkinder“….Mmh, meine anderen drei Kinder sind das eigentlich nicht, aber na gut, nehmen wir das einfach mal so hin, denn mir fällt auch nichts Besseres ein.
„Mongolismus“, „mongoloid“, das ist schon eine andere Nummer. Ich habe damit keine Probleme gehabt und das wird sich auch jetzt nicht ändern. Die Erregung und Verärgerung, die überall als Reaktion auf dieses Wort im Netz zu finden ist, kann ich nicht teilen.
Es freut mich heute, wenn man sich mit dem Phänomen auseinandersetzt. Der Name „Mongol-“ schafft eine Verbindung zu Menschen, die in einer bestimmten Region der Welt leben (und vielleicht ähnlich aussehen), die wohl nicht besser oder schlechter sind als Menschen aus meiner Region. Viel schlimmer empfinde ich es, wenn meine Tochter z.B. bei der Krankengymnastik in einer „Amphibienstellung“ beobachtet wird. Dieser unreflektierte Darwinismus provoziert mich wesentlich mehr, aber auch hier gilt natürlich, dass dem Sprechenden nicht unterstellt werden darf, dass meine Tochter damit zu einem Froschwesen degradiert wird.
„Mongölchen“, hier wird’s dann schwierig mit meinem Verständnis, einfach deshalb, weil hier die Gefahr des nicht „für Voll nehmens“ besonders groß ist. Da kann es dann (je nach Vertrautheit) vorkommen, dass ich mein Gegenüber schon mal unterbreche. Immer schon hat mich die Verniedlichung bei Kindern gestört („-lein“, „chen“)…, auch das hat sich nicht geändert. Für mich ist es wichtig, Kinder ab dem ersten Moment „ernst“ zu nehmen. Ich meine sogar zu beobachten, dass die „Verniedlichungsnutzer“ eher in der Gefahr stehen, ihr Gegenüber zu „objektivieren“, statt als grundsätzlich gleichwertiges Subjekt anzunehmen. In der scheinbaren Einräumung einer gemeinsamen Kommunikationsebene steckt für mich ein bisschen zu viel „Unwahrheit und Machtanmaßung“. Vielleicht liegt es aber auch einfach daran, dass ich in der Sprachnutzung eher die schlanke schlichte Art mag und mit dem Sprachgebrauch nicht so filigran umzugehen gelernt habe, bzw. lernen wollte.
Für meine Frau gab es aber auch nie Kosenamen, im Gegenteil, wenn ich das Gefühl besonderer Beziehungs-/Kommunikationsbeobachtung habe, neige ich eher dazu, die Sprachregelung rauer zu gestalten, um den Zutritt für Dritte zu verwehren. Meine Frau vermisst aber diese Sprachvariation, denn sie kommt aus einem Sprachraum, in dem man sich mit diesem Instrument facettenreicher als in der deutschen Sprache ausdrücken kann. Es muss wohl in manchen Sprachen viel leichter möglich sein, über einen längeren Zeitraum mehrschichtige Wahrheiten parallel zu formulieren, wo hingegen die deutsche Sprache eher puristisch monokausale Sachzusammenhänge beschreiben kann, die Abbildung und das Kommunizieren emotionaler und sozialer Intelligenz aber eher schwierig ist (…wenigstens für mich).
„Monsterbaby“, damit fing es damals bei mir an und hörte bei Anderen vollkommen auf. Die ersten 2-3 Tage habe ich mit diesem Begriff meine Tochter im Arm gehalten (ich habe dieses Wort von Anfang an aber nie isoliert gebraucht sondern immer in der Bindung “Mein Monsterbaby“, … dass hätte ich aber nicht so gesagt). Da ich befürchtete, dass mir die liebevollen Schwestern (überhaupt nicht ironisch gemeint!) bei lauter Aussprache das Kind wegnehmen würden, konnte ich nur in mich hineinsprechen und ich erlaubte mir nur einmal, meine Tochter zur Seite zu nehmen, um ihr dieses Wort entgegen zu sprechen. Sie entgegnete zwar nichts, dennoch hatte das Echo dieser lauten Aussprache eine nachhaltige Wirkung, denn meine Aggression wich danach ziemlich schnell. Ungefähr nach 3 Tagen passte dieses Wort nicht mehr, es war unangemessen geworden. Heute schaut meine Tochter zwar öfter wie ein Auto, Sie ist aber keines.
Unser Krankenhaus, die Städtischen Kliniken in Osnabrück und hier vor allem die Abteilung des Kinderhospitals ist ein großer Schatz für unsere Stadt und war es für unsere Familie im Besonderen. Auf dem sehr schwierigen Pfad richtiger Begleitung haben Sie sich aus meiner Sicht hervorragend gut bewegt, sie sind uns ans Herz gewachsen. Vor allem die Allgemeinatmosphäre war warmherzlich und kompetent. Schwieriger wurde es für sie manchmal im richtigen Sprachgebrauch, denn dabei konnte es wohl mal geschehen, dass ein Widerspruch entstand zwischen der herzlichen, authentischen Anteilnahme und der Verpflichtung zum Einsatz der „psychologischen“ Sprachrhetorik. Das Wort „perfekt“ haben wir so oft in dieser Zeit gehört, dass wir Eheleute uns dieses Wort, noch bevor es ausgesprochen wurde, durch einen kurzen Blickkontakt öfter zuwarfen. Das andere Problem war die Nebensatzkommunikation, die zu den meisten Gesprächspartnern nicht wirklich passte (z.B. es ist alles perfekt, aber …).
Wir lernen heute noch das Sprechen und das richtige Kommunizieren. Irgendwann wird mir auch bestimmt noch ein besseres Wort als „Regelkinder“ einfallen, denn meine Kinder (.. und sicher auch alle Anderen), kommen dabei entschieden zu kurz.