Krankenhaus gnadenlos gut

Die Städtischen Kliniken in Osnabrück hatten den schwarzen Peter.
Schon Monate vor der Entbindung haben wir uns die Klinik angeschaut. Nicht, dass wir ernstlich über eine Alternative nachgedacht hätten, denn die Klinik liegt 5 Minuten zufuß von zuhause. Aber wir wollten doch genauer wissen, wie alles abläuft, haben uns die Bedingungen für die Buchung eines Einzelzimmers besorgt.

Diese Geburt sollte anders verlaufen. Wie oft hatten wir uns vorgeworfen, dass wir die Geburt unserer Tochter Maria quasi nebenbei erlebt hatten, keine Fotos, keine grosse Wertschätzung, einfach keine Zeit und zu viele Belastungen.

Bei den folgenden Spaziergängen am Krankenhaus vorbei haben wir unserer Tochter erklärt, dass es in Kürze besondere Krankenhausbesuche geben wird, die einen freudigen Anlass haben. Wir würden wohl noch öfter dieses Krankenhaus besuchen, vielleicht mit viel Sorge, vielleicht auch um Abschied von einem lieben Menschen nehmen zu müssen. Bald aber werden wir wohl einen neuen Erdenbürger begrüßen dürfen und dass dürfe sie dann nie vergessen.

Wir hatten die Papiere im Gepäck, als es zum Krankenhaus ging. Das Einzelzimmer war gebucht. Wir waren angekündigt. Locker, all zu locker, gingen wir mit den letzten Stunden um, es war, als wollten wir die letzten Momente noch festhalten und verlängern. Im Krankenhaus waren wir schon angemeldet. Es gab Anzeichen, dass die Geburt schon bald stattfinden würde. Aber überall musste ja noch ein Foto gemacht werden, der Abschied von Maria, die Ankunft im Krankenhaus, das letzte Foto im Flur vor der Entbindungsstation. Nun wurde geklingelt.

Empfangen wurden wir mit den Worten....wir haben schon dringend auf sie gewartet, Beschwerden ?
... der falsche Film begann...
komisch und irritierend zugleich diese Besorgnis, wir sind ja gar nicht cool, risikofreudig oder abenteuerlich. Wir sind ganz normal und diese Schwestern machen so einen Stress. Es zeigte sich dann, dass es doch noch etwas Zeit gab. Wir verloren die Kontrolle über die Zeit. Es schien sich alles wieder zu beruhigen.

Wir entschieden uns, die Sache wieder in die Hand zu nehmen. Die werdende Mutter musste zwar liegen bleiben, der werdende Vater konnte aber noch einmal in Ruhe starten. Er verließ die Entbindungsstation mit allen gepackten Sachen und wollte das Einzelzimmer besuchen, um die Sachen abzulegen und das Zimmer in Ruhe vorzubereiten. Die Situation war unwirklich. Das Zimmer war steril, hinten stand alleine eine Waage, es war zu still, keine Schwester war da und es war dunkel. Das Zimmer fühlte sich nicht gut an. Man sollte es nicht vor der Entbindung besuchen, es gehört die Unruhe und Hektik nach der Geburt wohl dazu, so lässt sich dann die Waage und der Wickeltisch zuordnen, so wirklich, wurde ihm klar, glaubte er noch nicht an den Zeitenwechsel. Das Zimmer verließ er dann doch wider schnell, die Sachen wurden nicht ausgepackt. Er sollte viele Stunden dieses Zimmer nicht mehr betreten.

Wo sich sammeln, der stille Ort war wohl das Beste für die letzten Minuten. Als er die Tür öffnete stand eine Schwester im Gang und signalisierte, dass dringend auf ihn gewartet wurde, die Zeit war auf einmal wieder gepresst. So erlebte er auch den ersten Moment mit seiner Frau, die in Sorge war, den entscheidenden Moment doch allein zu sein. Wir hatten beide die Situation nicht richtig gegriffen, lagen neben der Zeit.
Nun ging alles sehr schnell (schnell meint hier, es dauerte nicht lange in Minuten gemessen). Die Eltern, eine Hebamme, eine Ärztin waren anwesend. Puls, Herzschlag, alles ok. Die Mutter gewann noch kurz vor der Geburt die Kontrolle zurück, wies als „Pädagogin“ die Hebamme an, irgendetwas zu bringen und zu beachten. Wieder schien alles kurz im Griff.
Dann kam das Kind, den Moment werde ich im Leben nicht vergessen. Immer wieder habe ich diese Drehbewegung vor Augen, der Moment, wo der Kopf zugedreht wurde mit so viel Gewalt. Das Kind schaute nach unten als es heraus kam. Die Hebamme drehte den Kopf, es wollte den Kopf nicht zeigen, die ganze Schwangerschaft hatte sich das Kind immer wieder versteckt, den Kopf verborgen. Sie war blau angelaufen und intuitiv habe ich verstanden, da gab es einen Grund. Ach ja, die Nabelschnur durfte ich noch abschneiden. Erst danach verloren wir die Kontrolle endgültig. Wieder spannte sich die Zeit. Statt dass es wie erwartet ruhig wurde, das Kind auf den Bauch der Mutter gelegt wurde, entstand eine Hektik und Spannung. Es wurde eine Kinderärztin noch hinzugezogen, sie nahm das Kind direkt mit zur Erstuntersuchung. Es wurde nicht viel gesprochen. Ich durfte mitgehen, die Untersuchung beobachten. Die Ärztin war sehr geschäftig, prüfte, alles perfekt, ... es war nicht überzeugend.
Wir gingen zurück zur Mutter.
"Wissen Sie, dass ihr Kind das Down-Syndrom hat", ich stand gerade neben dem Kopf meiner Frau. "Wissen sie eigentlich, dass ihr Kind das Down-Syndrom hat", ich antwortete "Wissen Sie was Sie da sagen ? Wenn das nicht stimmt, können Sie das verantworten ?" " Es ist offensichtlich, ich müsste mich stark irren !". Ich schaute meine Frau an, sie war erschöpft, sie sammelt sich, verlor aber gleichzeitig die Kontrolle. Sie erklärte mir, dass die Hebamme sie schon in meiner Abwesenheit hart konfrontiert hatte, mit einem Sensationsblick auf dem Gesicht. …
Die Geburt war vorbei…..

Ein neues Kapitel begann.
Meine Frau wird diesen Schlag lange nicht verkraften, selbst den Tonfall, den Akzent, kann sie bis heute nicht vergessen. Nun DIE FRAGE WANN, ...wann hätte man uns konfrontieren sollen, wann uns die grausame Wahrheit ins Gesicht werfen ? Die Antwort ist für mich klar: Es war richtig, gut und korrekt. Es wurde am Tag X die Wahrheit nicht zurückgehalten, mit der Verfügung über die Wahrheit nicht verhandelt. Die Wahrheit gehört uns Eltern vom ersten Moment an, das wurde respektiert. Ich spreche für mich, nicht für meine Frau. Bis zur Geburt waren unsere Entscheidungen, unser Denken und Fühlen ziemlich harmonisch verlaufen, keine großen Differenzen. Jetzt aber, im ersten Moment der harten Wahrheit, veränderte sich unser gemeinsames Leben.