Johanna in spe

Wir schreiben das Jahr 2006, genauer den 13.11.06. Für viele ein normaler Tag, etwas wärmer als üblich im November, das Wetter war nicht abweisend, es ist unsere Zeit zu gebären.

Johanna hätte noch zwei Wochen Zeit gehabt, bisher war sie immer mit allen Werten im Plan gewesen, schon früh konnte der Geburtstermin ziemlich genau bestimmt werden (als Spaß hatte unser Frauenarzt sogar die Uhrzeit 9:00 Uhr mit angedruckt).

Johanna wollte aber wohl eher heraus, Sie war wohl besonders neugierig auf die Welt. ...Moment, bevor ich es vergesse, Johanna war es ja eigentlich nicht , nennen wir sie mal "Johanna in spe", ein schönes im Uterus gut gediehenes Mädchen, die Finger waren sehr fein ausgebildet, alle inneren Organe ok, der Kopf war relativ groß, aber auch im guten Normalbereich. Wir haben fast alles über Ultraschall sehen können, nur ihr Gesicht hat "Johanna in spe" immer weggedreht.

Völlig unvorbereitet traf uns die Frage nach der Fruchtwasseruntersuchung, denn wir waren ja eine so genannte Risikoschwangerschaft. Sicher, ruhig und klar haben wir das hiermit verbundene Letalrisiko zugunsten einer Informationsgewinnung nicht eingehen wollen. Die Entscheidung hat uns nicht einmal 5 Minuten gekostet, denn eine Bejahung wäre nur rational vertretbar gewesen, wenn man als Folge auch die Eventualabtreibung in Kauf genommen hätte, dass war nicht der Fall, na also...

Aus Sorge vor genetischen Defiziten hatten wir den PAPP- Test aber gemacht, denn wir wollten doch die Schwangerschaft uneingeschränkt genießen. Es war aber alles "perfekt". 1/2000 war unsere Wahrscheinlichkeit, das kann man in der Normalsprache auch als unmöglich auslegen, oder ?

Nur dieses eine Wort "perfekt" hat uns von der Zeit der Schwangerschaft bis nach der Geburt und bis heute begleitet. Nur hier gab es keinen Bruch, keinen Worttausch, keinen Ebenenwechsel. Dieses Wort passte überall und auf alles.

Morgens kündigte sich Johanna an und wir wussten schon bald, dass es kein Zurück mehr gab. 2 Wochen waren uns abgeschnitten, die Vorbereitungen mussten zum Ende kommen. Ein paar Dinge waren noch offen. "Johanna in spe" wollten wir mit Freude empfangen und unsere Freunde mit vielen Anderen teilen. So haben wir noch schnell einen Storch gebastelt, um ihn dann direkt nach der Geburt im Vorgarten zu platzieren. So könnten wir dann unser Umfeld über die Geburt auf nette Weise informieren.

Ein bisschen politisch sind wir auch. Das ganze Jahr war in den Medien von Kinderarmut die Rede, Aufforderungen an die gebärfähigen Mütter und Väter konnte man überall nachlesen. Gerne haben wir noch einmal diese Herausforderung angenommen, auf kein Kind haben wir uns so sehr gefreut, uns mit so viel Genuss Zeit genommen. Schon Monate vor dem Termin haben wir die Arbeit reduziert und uns mit uns beschäftigt, eine schöne Zeit. Sicher würde die kinderfeindliche Zeit in Deutschland bald zu Ende gehen und wir würden davon profitieren können. Traurig haben wir während der Schwangerschaft erfahren, dass die Gesetzesänderungen erst am 1.1.2007 in Kraft treten werden. Nun denn, wir haben ein T-Shirt für unsere werdende Mutter bemalt mit der Aufschrift "Ich rette Deutschland", dass war wohl auch die Zukunft für unsere "Johanna in spe", denn ihre drei Geschwister sind doch wohl gut geraten.

Dieses T-Shirt musste wohl am heutigen Tag her, mit diesem T-Shirt wollten wir die Kleine empfangen. Heute mussten noch Fotos vor der Geburt gemacht werden, so ein großer Bauch würde nicht wieder zu sehen sein, so eine innige Zweisamkeit zwischen Mutter und "Johanna in spe" kaum wieder dokumentierbar sein. Das erste Foto, dass wir für das Album von "Johanna in spe" erstellen würden. Auch ihre große Schwester war voll Erwartung und ließ sich für das neue Album gerne abbilden.

Schnell wurde noch der Korb für "Johanna in spe" bereitgestellt, Windeln gekauft und der Wickeltisch aufgebaut. Nicht alles war fertig, das Kinderbett noch nicht organisiert, das Kinderzimmer noch nicht ganz frei von Bastelsachen und anderen Utensilien. Aber nach so viel Regelmäßigkeit waren wir eigentlich nicht traurig, dass jetzt Spannung und Unruhe kam. Wir haben uns total gefreut.
Noch vor dem Gang ins Krankenhaus wurde das E-Mail zur Geburt vorbereitet. Ich kann mich noch an den Satz im vorbereiteten E-Mail erinnern: "Alles ist gut gegangen, Gott sei Dank. Johanna kam heute um : Uhr zur Welt." Alle bekannten E-Mail-Adressen waren eingebunden. Dieses E-Mail wurde dann aber nie abgeschickt. Es gab ein paar Stunden später keinen Grund mehr, irgendetwas zu veröffentlichen, keine Grund, sich mit zu teilen, denn es gab nichts, was gern geteilt würde…